Barfuß aufwachsen, Balance und motorische Fähigkeiten – Zech et al. 2018
Unterscheiden sich motorische Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen, die überwiegend barfuß beziehungsweise überwiegend mit Schuhen aufwachsen? Zech und ihr Forschungsteam verglichen Balance, Sprungleistung und Sprint bei 810 Teilnehmenden im Alter von 6 bis 18 Jahren aus Südafrika und Deutschland.
Worum geht es in der Studie?
Wie Kinder aufwachsen und sich im Alltag bewegen, könnte mit der Entwicklung grundlegender motorischer Fähigkeiten zusammenhängen. Zech et al. untersuchten deshalb Kinder und Jugendliche, die überwiegend barfuß beziehungsweise überwiegend mit Schuhen aufwuchsen.
Im Mittelpunkt standen drei motorische Fähigkeiten: Balance, Sprungleistung und Sprint. Dafür wurden 810 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren aus Südafrika und Deutschland untersucht.
Die Forschenden betrachteten außerdem verschiedene Entwicklungsphasen getrennt. Die Teilnehmenden wurden in die Altersgruppen 6–10 Jahre, 11–14 Jahre und 15–18 Jahre eingeteilt.
Zentrale Forschungsfrage:
Besteht ein Zusammenhang zwischen dem gewohnheitsmäßigen Barfuß- beziehungsweise Schuhtragen während des Aufwachsens und der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen?
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Die Untersuchung wurde als Querschnittsstudie in Südafrika und Deutschland durchgeführt. Insgesamt nahmen 810 Kinder und Jugendliche aus 22 Grund- und weiterführenden Schulen teil. 385 wurden der gewohnheitsmäßig barfüßigen und 425 der gewohnheitsmäßig beschuhten Gruppe zugeordnet.
Zur Untersuchung der Balance mussten die Teilnehmenden rückwärts über drei unterschiedlich breite Balken gehen. Die Sprungleistung wurde mit einem Standweitsprung erfasst. Zusätzlich wurde die Sprintleistung über einen 20-Meter-Sprint untersucht.
Die motorischen Tests wurden sowohl barfuß als auch mit Schuhen durchgeführt. Für die statistische Auswertung wurden unter anderem Geschlecht, ethnischer Hintergrund, BMI, körperliche Aktivität und die Reihenfolge der Testbedingungen berücksichtigt.
Die Auswertung erfolgte getrennt für die Altersgruppen 6–10 Jahre, 11–14 Jahre und 15–18 Jahre.
Studiendesign auf einen Blick:
Querschnittsstudie · 810 Kinder und Jugendliche · 6–18 Jahre · 385 gewohnheitsmäßig barfuß und 425 gewohnheitsmäßig beschuht · Balance, Standweitsprung und 20-m-Sprint
Welche Ergebnisse wurden beobachtet?
Die Ergebnisse unterschieden sich je nach motorischer Aufgabe und Altersgruppe. Es zeigte sich daher kein einheitliches Muster, nach dem eine der beiden Gruppen bei sämtlichen Tests besser abschnitt.
Bei den 6- bis 10-Jährigen erzielten die gewohnheitsmäßig barfuß aufgewachsenen Kinder höhere Werte beim Balancieren und beim Standweitsprung. Die gewohnheitsmäßig beschuhten Kinder dieser Altersgruppe waren dagegen beim Sprint schneller.
Auch bei den 11- bis 14-Jährigen wurden schnellere Sprintzeiten in der gewohnheitsmäßig beschuhten Gruppe beobachtet.
Bei den 15- bis 18-Jährigen erreichte die gewohnheitsmäßig barfüßige Gruppe größere Distanzen beim Standweitsprung, während die beschuhte Gruppe beim Sprint schneller war.
Beobachtetes Ergebnis:
Unterschiede zwischen den Gruppen waren abhängig von Alter und motorischer Aufgabe. Besonders bei den 6- bis 10-Jährigen wurden Unterschiede bei Balance und Standweitsprung zugunsten der gewohnheitsmäßig barfüßigen Gruppe beobachtet, während die beschuhte Gruppe beim Sprint schneller war.
Wie lassen sich die Ergebnisse einordnen?
Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen den langfristigen Schuhgewohnheiten und bestimmten motorischen Fähigkeiten der untersuchten Kinder und Jugendlichen. Dieser Zusammenhang fiel jedoch je nach Alter und untersuchter Fähigkeit unterschiedlich aus.
Für die Interpretation ist das Studiendesign besonders wichtig. Die Forschenden veränderten die Schuhgewohnheiten der Kinder nicht gezielt über einen bestimmten Zeitraum, sondern verglichen bereits bestehende Gruppen. Aus der Untersuchung lässt sich deshalb kein direkter Ursache-Wirkungs-Nachweis ableiten.
Eine weitere wichtige Einschränkung betrifft die Herkunft der Gruppen. Die gewohnheitsmäßig barfüßigen Teilnehmenden wurden ausschließlich in Südafrika und die gewohnheitsmäßig beschuhten Teilnehmenden in Norddeutschland rekrutiert. Neben den Schuhgewohnheiten unterschieden sich damit auch geografische, klimatische, soziokulturelle und teilweise die Testbedingungen.
Die Forschenden berücksichtigten mehrere mögliche Einflussfaktoren statistisch. Trotzdem lassen sich die Unterschiede zwischen den beiden Populationen nicht vollständig auf das Barfuß- beziehungsweise Schuhtragen zurückführen.
Einordnung:
Die Studie zeigt Zusammenhänge zwischen Schuhgewohnheiten und bestimmten motorischen Fähigkeiten während verschiedener Entwicklungsphasen. Sie belegt jedoch nicht, dass Barfußlaufen allein die beobachteten Unterschiede verursacht oder grundsätzlich zu einer besseren motorischen Entwicklung führt.
Gut zu wissen
Die Zech-Studie untersuchte Zusammenhänge zwischen bestehenden Schuhgewohnheiten und motorischer Leistungsfähigkeit. Sie war keine Interventionsstudie, bei der Kinder gezielt über einen längeren Zeitraum barfuß oder mit bestimmten Schuhen trainierten.
Die Ergebnisse unterscheiden sich nach Altersgruppe und motorischer Aufgabe. Deshalb sollte die Studie nicht mit der vereinfachten Aussage zusammengefasst werden, dass barfuß aufwachsende Kinder grundsätzlich eine bessere Balance oder eine bessere motorische Entwicklung besitzen.
Besonders relevant für die Interpretation ist außerdem, dass die beiden Gruppen aus unterschiedlichen Ländern stammten. Die beobachteten Unterschiede können daher nicht ausschließlich den Schuhgewohnheiten zugeschrieben werden.
Originalstudie lesen
Die vollständige Methodik, Ergebnisse und Schlussfolgerungen findest du in der veröffentlichten Originalstudie.